Seite 22 - PLUS_03_2014

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Klaus Walter
BOZEN
- (swa) Kaum ein Bozner, der ihn nicht
kennt. Aber auch den vielen Urlaubern, die regel-
mäßig ihre Ferien in Südtirol verbringen und dabei
immer wieder in die Bozner Altstadt kommen, fehlt
etwas von der urgemütlichen Stimmung, wenn sie
nicht bei einem Capuccino oder Prosecco in einem
der Cafés auf dem Waltherplatz sitzen und Klaus
Walter bei seinem Zitherspiel lauschen.
Zwei Walt(h)er vereint. Minnesän-
ger Walther schaut von seinem
Sockel auf ihn herab, wenn Klaus
Walter dort sitzt, in seiner Neu-
markter Tracht, und ein Instrument
spielt, das kaum jemand kennt.
Zur Musik auf der Violinzither
begleitet er sich mit Gesang und
Mundharmonika allein. Was heute
so normal scheint, hätte sich das
Allround-Talent vor Jahren nicht
träumen lassen. Insgesamt zehn
Instrumente spielt der gebürtige
Neumarkter. Den Instrumenten
gilt nicht nur seine Leidenschaft,
sondern auch sein Beruf. Im Jahr
1970 kam er als Lehrling nach
Bozen, zehn Jahre später eröffnete
er in der Cavourstraße 9 seine erste
Werkstatt. Zithern, Harmonikas,
Gitarren und vieles mehr werden
hier aufpoliert und wieder zum
Klingen gebracht. Seine Frau Erika,
eine gelernte Gemälderestaura-
torin geht ihm zur Hand. Dank
dieser seit Jahrzehnten bestehen-
den perfekten Zusammenarbeit
werden den beiden von privaten
Besitzern und Musikschulen auch
sehr kostbare Instrumente anver-
traut. Da wird eine 50 Jahre alte
Hohner Gola, die Tausende wert ist
genauso fachmännische und akri-
bische restauriert, wie eine halbe
Geige für den kleinen Anfänger.
Wochenlang sitzt der Restaurator
an manchem Instrument, entfernt
auch die kleinsten Verzierungen,
reinigt alles und poliert es auf und
gibt dem Besitzer ein Instrument
zurück, das wie neu erscheint und
wunderbar klingt.
Eine Stradivari für
10.000 Lire repariert
Das kostbarste Musikinstrument
hielt Klaus Walter 1997 in seinen
Händen. Der russische Maxim Ve-
nergow weilte zu einem Konzert
in Bozen und war mit dem Klang
seiner Geige gar nicht zufrieden.
„Kurz vor dem Konzert mit dem
Mahler-Orchester kam er zu mir.
Ich habe ihm den Stimmstock ein-
gestimmt“, berichtet Klaus Walter.
Zufrieden und vor allem erstaunt
wird der Weltklasse-Violinist erst
beim Erhalt der Rechnung gewesen
sein: 10.000 Lire verlangte der
Fachmann für die Reparatur des
um 4 Milliarden Lire versicherten
Instrumentes. „Ich hätte es auch
umsonst gemacht! Wann hält man
schon einmal so ein seltenes Stück
in den Händen!?“, schmunzelt er.
Natürlich hatte der berühmte Gei-
ger seine Blicke durch die Werkstatt
schweifen lassen. Sein Auge fiel
auf ein ausgefallenes Instrument:
Klaus Walters Streichzither. Er
wollte sie ihm abkaufen, bekam
sie aber nicht.
Der lange Weg zum
Waltherplatz
Spielen auf dem Waltherplatz war
immer ein Traum für den schüch-
ternen Musikanten. Obwohl er Jahr-
zehnte in verschiedenen Bands und
Der Zitherspieler vom Waltherplatz
Kapellen aufgetreten ist, benötigte
es viel Zeit, bis er endlich seinen
jetzt angestammten Platz in der
Bozner Altstadt gefunden hatte.
Etwas neidisch sah er den ande-
ren Straßenmusikanten zu, die
im Zentrum spielten, bis er eines
Tages Mut fasste. „Ich hab mir
immer gedacht, wie toll es sein
muss, dort für die Leute zu spie-
len. Dann bin erst einmal nur bis
in die Bindergasse gegangen und
jedes Mal ein kleines Stück weiter
in Richtung Waltherplatz. Was hat
mich das für eine Überwindung
gekostet!“ lacht er heute. Vor allem
auch, weil sich Bekannte von ihm
abwanden, nicht mehr mit ihm
sprachen, da sie solche öffentlichen
Auftritte gar nicht schätzten, sich
dafür schämten. Ihm war es egal,
ein Traum ging in Erfüllung. Seit
Frühjahr 2001 gehört er nun zum
„Mobiliar“ des Waltherplatzes. Ist
er nicht da, fehlt allen etwas. Aber
auch in Kaltern und Meran ist er ab
und zu abends anzutreffen.
Instrumentenwechsel
Viele, die ihm am Waltherplatz
zusehen sind erstaunt. Ein Ins-
trument, wie dieses sieht man
selten. Es ist wohl die einzig
noch in Südtirol erhaltene und
funktionierende Violinzither. Das
Instrument, auch „Violinharfe“
genannt, vereint gestrichene und
gezupfte Saiten. Es stammt vom
Onkel, der sie wahrscheinlich aus
dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht
hat. Niemand im Haus konnte sie
spielen, schließlich bekam sie der
Vollblutmusiker Klaus von seinem
Vater geschenkt. Auch er hatte
dafür lange keine Verwendung, sie
hing als Erinnerungsstück in der
Werkstatt. Klaus Walter spielte fast
täglich auf seiner Konzertzither, die
er auf dem Waltherplatz und bei
vielen Festen zum Klingen brachte.
Doch die sechs Jahre im Freien
spielen verlangten ihren Tribut:
„Das Griffbrett hat enge Seiten,
die Hände verbleiben immer in
der gleichen Stellung. Ich habe zu
viel gespielt, auch bei Kälte, dazu
nach in der Werkstatt gearbeitet.
Irgendwann ging es gar nicht mehr
- Hände, Schulter , Rücken, alles tat
weh“, erzählt er. Zwei Jahre dau-
erte es, bis er das Spielen auf der
Streichzither perfekt beherrschte.
Inzwischen geht er nur noch bei
schönem Wetter zum Spielen auf
den Waltherplatz, zum Schutz der
empfindlichen Hände hat er sich
beheizbare Handschuhe gefertigt.
Für die Restaurierung der 50 Jahre alte
Hohner Gola werden mindestens 150
Stunden benötigt
Portrait